Die Bilanz der RLP-Asse kann sich sehen lassen

Leichtathletik-WM in London: Bronze für Zehnkämpfer Kai Kazmirek / Lisa Ryzih überzeugt als Fünfte im Stabhochsprung / Gesa Krause nach Sturz noch Neunte über 3.000-Meter-Hindernis

Überglücklich: Kai Kazmirek holte WM-Bronze im Zehnkampf. Foto: paBronze für Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied) im Zehnkampf, Platz fünf für Lisa Ryzih (ABC Ludwighafen) im Stabhochsprung und ein denkwürdiges Rennen von Gesa Krause (Silvesterlauf Trier), die sich über 3.000 Meter Hindernis nach einem bösen Sturz auf den letzten Platz zurückfiel, am Ende noch Neunte wurde und sich den inoffiziellen Titel der „Weltmeisterin der Herzen“ sicherte: Die Bilanz der rheinland-pfälzischen Athleten bei der Leichtathletik-WM in London konnte sich sehen lassen, auch wenn Stabhochspringer Raphael Holzdeppe und Speerwerferin Christin Hussong vom LAZ Zweibrücken leer ausgingen.

Oft war er nah dran, viele Jahre lang einer der konstantesten deutschen Zehnkämpfer: Kai Kazmirek aus St. Sebastian bei Koblenz hat bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften endlich den Sprung aufs Treppchen geschafft – neben  dem Franzosen Kevin Mayer und seinem Teamkollegen Rico Freimuth. „Ein unbeschreibliches Gefühl, ich bin mega stolz“, sagte Kazmirek im Überschwang der Gefühle und mit der Bronzemedaille um den Hals. „Mein Trainer Jörg Roos, meine Eltern, meine Freundin sind hier. Ich denke mal, dass es eine lange Nacht wird.“ Angesagt war eine gemeinsame Feier, „das ist eigentlich unter Zehnkämpfern so üblich, dass wir uns noch mal treffen“.

Als Kazmirek über die Hürden am zweiten Tag ganz gut durchkam, drei seiner Verfolger aber stürzten, da war der Druck ein bisschen raus und er wusste: „Du kannst dich nur noch selbst schlagen.“ Zum Glück sprang er mit dem Stab die 5,00 und die 5,10 Meter, sonst wäre Bronze in Gefahr geraten, wie 2014 bei der EM in Zürich, als er im Stabhochsprung versagte. Im vergangenen Jahr belegte der Sportler des Jahres von Rheinland-Pfalz Platz vier in Rio de Janeiro. In diesem Jahr musste er wegen eines Bänderrisses im Mai sogar um seine WM-Teilnahme bangen. Der so sympathische, ruhige und angenehme 26-Jährige, ein Polizeikommissar aus Leidenschaft, verfolgt eine Devise im Leben: „Aufgaben gilt nicht“.

Das Mentale im Zehnkampf ist entscheidend. Der Wille. Aber manchmal führt das dazu, dass man verkrampft. „Man muss alles ausschalten, versuchen locker zu bleiben. Wenn die Medaille kommt, dann kommt sie. Jetzt hat es geklappt.“ Im kommenden Jahr steht die EM in Berlin an. Das ist dann ein Heimspiel für die deutschen Zehnkämpfer.

Natürlich auch für all die anderen Athleten, die in London für rheinland-pfälzische Vereine startete. „Platz fünf – da gehöre ich hin, aber ich möchte auf jeden Fall weiterkommen, und im kommenden Jahr bei der EM in Berlin will ich vorne die Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin fordern“, sagte Vize-Europameisterin Lisa Ryzih, die in London Platz zwei in Europa bestätigte, und die Griechin Ekaterini Stefanidi angreifen will. Die 28-Jährige aus Grünstadt-Sausenheim, beim ABC Ludiwgshafen von ihrem Vater Wladimir trainiert, hätte gefühlt nach dem Einspringen nach Hause gehen können, aber dann kämpfte sie sich noch an die Spitze heran und überflog 4,65 Meter. Sie hat sich längst in der Weltspitze etabliert. Sie ist vor allem sehr stabil geworden und betont auch immer wieder mit Recht, wie sie Jahr für Jahr dazugelernt hat. Hätte sie die 4,45 Meter nicht im ersten Versuch gerissen, hätte sie am Ende auf dem Bronzeplatz gestanden. „Es ist, wie es ist. Es ist alles in Ordnung.“ Lisa Ryzih verließ zufrieden die Wettkampfstätte, die sie von 2012 schon kannte, wo sie Olympiasechste geworden war.

Christin Hussong von LAZ Zweibrücken, ebenfalls vom Vater Udo Hussong trainiert, die in den Jugendjahren mit U18-WM- und U23-EM-Titel so erfolgreich war, braucht wohl noch ein bisschen Zeit, bis sie bei den Großen ganz oben ankommt. Was normal ist. In London ist sie in der Qualifikation mit einem Speerwurf auf 60,86 Meter gescheitert. Vor zwei Jahren bei ihrer WM-Premiere in Peking war sie Sechste. „Ich habe deutlich mehr drauf, die Ergebnisse spiegeln das nicht wider. Ich bin enttäuscht. Im Finale will jeder stehen, es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, es macht mir nichts aus“, gestand sie. Sie sei in alte Fehler verfallen. Die Nerven spielten nicht mit.

Auf dem Podium nach der Stabhochsprung-Entscheidung fehlte einer, der 2013 in Moskau ganz oben und 2015 in Peking auf dem zweiten Platz stand. Raphael Holzdeppe (27, LAZ Zweibrücken), der vor der WM erneut von einem Medaillenprojekt sprach, hatte den Konkurrenten längst den Rücken gekehrt und den Innenraum verlassen, als es um den Sieg ging. „Es wäre mehr drin gewesen. Im Endeffekt habe ich  nicht umsetzen können, was ich drauf habe. Ich muss im Hotel anhand der Videos, die wir gemacht haben, analysieren, woran es lag. Aber im Moment bin ich nur enttäuscht über mich selber“, redete er nicht groß drum herum. Drei ungültige Versuche bei der Einstiegshöhe von 5,50 Metern – es war ein klarer „Salto nullo“. Aber passiert ist passiert. „Mit den Jahren habe  ich  schon  gelernt, alles ein bisschen besser zu verkraften. Es ist nicht mein erstes Tief, und nicht mein erstes Tief, aus dem ich es schaffe, wieder rauszukommen“, sagte er.

Eine, die neu im Bundesland ist, seit Jahresbeginn für den Verein „Silvesterlauf Trier“ startet, hatte in London ganz viel Pech: Gesa-Felicitas Krause. „Es ist deprimierend, wenn man sieht, wie viel man drauf hat. Wie viel mehr in einem steckt, wenn man so viel opfert, so viele Wochen im Jahr von daheim weg.“ Mit den Ambitionen angetreten, ihren dritten WM-Platz von 2015 zu bestätigen, stürzte Krause unschuldig, verließ das Olympiastadion von London mit blauen Flecken statt mit Bronze im 3000-Meter-Hindernislauf. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf, so groß war die Enttäuschung: „Es bringt mich zum Weinen, macht mich wütend und bricht mir das Herz“, schrieb sie in Facebook. „Aber das genau ist Hindernislauf.“

Die 25 Jahre alte Frankfurterin hätte aufgeben, sich mit ihrem Schicksal abfinden können. Aber sie lief weiter, mitten hinein in die Herzen der deutschen Zuschauer, zumindest in die der deutschen zuhause. „Es ist eine Weltmeisterschaft. Ich trainiere nicht ein ganzes Jahr, um das Rennen nach kurzer Zeit zu beenden“, sagte sie. Das ganze Jahr harte Arbeit war trotzdem für die Katz.

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